der Herr Karl
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Alois Frank
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Sie haben womöglich bereits der Seite "UNSERE GESCHICHTE" entnommen dass mein Großvater ein besonders umtriebiger Mensch war. Als im Juli 1957 mit dem "Zigeunerbaron" die Mörbischer Seefestspiele das Licht der Welt erblickten ging auch dieses Ereignis nicht an seinem Radar vorbei. Wir wissen nicht wie er es damals anstellte aber ein historisches Gästebuch zeigt dass es nicht lange dauerte bis zahlreiche namhafte Persönlichkeiten aus der Welt des Films und der Bühne bei uns regelmäßig aus und ein gingen.
Mein Großvater war manchmal ein bisserl unkonventionell in seinem Vorgehen und das damalige Weingesetz hatte mit dem in unserer heutigen Form nur wenig gemein. Sein 1959 Ausbruch hatte ihn anscheinend selbst sehr beeindruckt und so verfiel er auf die Idee diesem Wein in der Mitte zwischen dem Basisetikett und der in der Nähe des Flaschenhalses angebrachte Jahrgangsbanderole ein drittes Etikett zu spendieren, mit dem selbstbewussten Text "Bester Wein des Jahres". Dieses Etikett war für uns 60 Jahre danach eine entscheidende forensische Hilfe.
In den Erzählungen über die Gäste meines Großvaters zu dieser Zeit fiel dabei gelegentlich auch der Name des damals sehr bekannten Regisseurs Erich Neuberg. Dieser Umstand dürfte eine naheliegenden Erklärung dafür sein dass in der 16. Minute des Films Helmut Qualtinger vor einem Weinregal zu stehen kommt und in der 2.Reihe von links steht gut sichtbar eine Flasche aus der Hand meines Großvaters. Und aufgrund des vorhin erwähnten "dritten Etikettes" lässt sich der Wein heute exakt identifizieren.
DER HERR KARL UND SEINE GESCHICHTE
Es gab für die Figur des Herrn Karl reale Vorbilder, einige Aussagen wurden laut Qualtinger sogar entschärft."Den echten Herrn Karl hätte uns kein Mensch geglaubt", so Qualtinger. Als Vorlage dürfte in erster Linie ein gewisser Herr Max vom Delikatessenladen "Top" gedient haben, weiters wurden Aphorismen eines Hannes Hofmann verwendet. Hofmann war der Wirt des legendären Gutruf, ein Lebensmittelgeschäft in der Milchgasse hinter der Peterskirche in dem nebenbei auch diverse alkoholische Getränke ausschenkt wurden. Der Stammgast Qualtinger hörte sehr genau zu. Auch bediente man sich weiters an den den Ausprüchen eines gewissen Herrn Jerschabek, Frisör im Ruhestand und Stammgast im Cafe "Falstaff". Der Kaberettist Nikolaus Haenel arbeitet drei Monate als Aushilfe in dem Delikatessenladen "Top" mit dem wesentlich älteren Herrn Max zusammen und dieser erzählte ihm aus seinem Leben. Haenel erzählte seine Erlebnisse mit Herrn Max danach Helmut Qualtinger, dieser wiederum Carl Merz und man begann sofort zu schreiben. Der Rest ist Geschichte.
Im Jahr 1961 wurde der vom ORF produzierte Film "Der Herr Karl" mit Helmut Qualtinger, Regie Erich Neuberg, erstmals ausgestrahlt. Ein ausführlicher Monolog, irgendwo angesiedelt zwischen Theaterstück und Kabarett, der nach seiner ersten Ausstrahlung aufgrund der damals für heute unvorstellbaren Reichweite des ORF, für lange und heftige Kontroversen in der ganzen Republik sorgte. Der legendäre Theaterkritiker Hans Weigel befeuerte mit großer Freude den Volkszorn weiter indem er den Protagonisten als "menschlichen Zustand österreichischen Färbung" bezeichnete. Der Herr Karl schwadronierte selbstgefällig über sein opportunistisches Leben zwischen den 20er und 60er Jahren, von der Einführung des Schillings bis zu Leopold Figl "Daun is er herausgetreten der Herr Bundes...Poidl, ...". Mit ein wenig mitschwingenden Stolz darüber auch in diesen schwierigen Zeit seinen persönlichen Vorteil nie aus den Augen verloren zu haben. Diese präzise, den selbstbewussten Herrn Karl augenzwinkernd um komplitzenhaftes Verständnis heischende, Verkörperung der diabolischen Seite des Herrn Karl war vermutlich das bedeutendste Werk des an künstlerischen Meriten nicht gerade armen Helmut Qualtinger. Der Volkszorn kochte hoch, viele "anständige" Mitbürger fühlten sich persönlich auf den Schlips getreten. Noch während der Austrahlung ging beim ORF die Telefonzentrale aufgrund eines gewaltigen Proteststurmes unter, tagelang waren in allen Zeitungen Verwünschungen und Beschimpfungen in Form von Leserbriefen zu finden, inklusive der Anregung der Programmdirektor des ORF solle nach Sibirien verbannt werden. In Folge brachte es der Herr Karl sogar zu dringlichen Anfragen im Parlament. Dabei versahen die Autoren Helmut Qualtinger und Carl Merz diese Figur nicht nur mit abstoßenden Eigenschaften, wenn auch garniert mit bereits krankhaften Zügen der Misogynie, sondern auch mit durchaus sympathischen Seiten und boten dem Zuseher verführerische Augenblicke mit Identifikationsmöglichkeiten. Der Herr Karl handelte nicht als eleganter Wendehals, er ist nichts anderes als ein bedeutungsloser und absolut unspektakulärer Mensch dem es dennoch gelingt ausreichend Unheil anzurichten. Ein wenig lehnt sich diese Figur in ihrer intellektuellen Schlichtheit an die "Banalität des Bösen" an, postuliert von der damals sehr populären Hanna Arendt. Qualtinger und Merz reagierten auf die enorme öffentliche Empörung in dem sie ihr demaskierendes Spiel fortsetzten und die später erschiene Buchveröffentlichung um fiktive Zuschriften "braver österreichischer Bürger", die diese Kunstfigur verbissen weiter verteidigten, ergänzten. Hans Weigel: "Man hatte einem bestimmten Typus auf die Zehen treten wollen, und eine ganze Nation schrie: AU!" Heute zählt das Stück zu den Klassikern der Nachkriegszeit.
P.S. Vielleicht nicht das Opus Magnum Helmut Qualtingers, aber die Erinnerung daran ringt uns heute noch immer das eine oder andere Schmunzeln ab: Kobuk
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diese literarischen Texte stammen aus der Feder meines lieben Freundes Michael π
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